Der Traum vom Schwimmpalast

Die städtische Volksbadeanstalt am Prenzlauer Berg

Das Stadtbad Prenzlauer Berg wird bis zum Sommer saniert, danach ist große Wiedereröffnung. Nach 28 langen Jahren. Hier ist die Geschichte zum Bad.

Heinrich Bednarz hatte ein Problem. Kurz vor seinem 20. Geburtstag war er in seiner oberschlesischen Heimat in den Zug nach Berlin gestiegen, um in der großen Stadt sein Glück zu machen. Viele seiner Freunde waren schon dort, die Stadt versprach Arbeit, die es in der oberschlesischen Provinz nicht gab.

Wandrelief "Schwimmunterricht" auf der Empore im Bad

Dort angekommen schlief er zunächst ein paar Nächte im städtischen Obdachlosenasyl auf der Fröbelstraße.

Gleich in der ersten Nacht wurde er bestohlen, überhaupt war der Umgang dort rüde, wenigstens musste er zum bitter kalten Jahreswechsel 1902/03 nicht draußen schlafen.

Wandrelief "Bötchenfahrt" auf der Empore im Bad

Schon bald hatte er eine Anstellung gefunden, ein Hufschmied am Prenzlauer Berg brauchte einen Handlanger. Dieser konnte ihm auch eine Familie auf der Oderberger Straße nennen, die noch einen Schlafburschen suchte.

Gegen Geld erhielt er einen Schlafplatz. Eng war es, insgesamt sieben Personen lebten in zwei Zimmern. Die Arbeit war hart und schweißtreibend, wenn er am Abend nach Hause kam, war in der kleinen Küche kaum die Gelegenheit, sich zu reinigen, ein Bad gab es hier im Hinterhaus natürlich nicht.

Ein Klosett auf halber Treppe, das sie sich auch noch mit den Nachbarn teilen mussten, war alles, was an sanitären Anlagen zur Verfügung stand.

Wandrelief "Froschkönig" auf der Empore im Bad


Aber er hatte gehört, dass gleich hinter der Kastanienallee ein so genanntes Stadtbad gebaut wurde und kurz vor der Eröffnung stand. Sofort in der ersten Woche nach der Eröffnung ging er am Sonnabend nach der Arbeit hin und studierte den Aushang. Brause- und Wannenbäder konnte man hier nehmen, selbst eine Schwimmhalle gab es, für 45 Minuten hatte man 25 Pfennige zu zahlen. Handtuch und Badehose kosteten nochmals je 5 Pfennige, die Seife gab es kostenlos dazu.

Wandrelief "Ritterturnier" auf der Empore im Bad

Schwimmen hatte er in der wilden Schlesischen Neiße gelernt, ganz im Gegensatz zu vielen anderen, die sich hier im Nichtschwimmerbereich aufhalten mussten. Zügig zog er sich in einer der Auskleidezellen um, die um das Bassin herum angeordnet waren.

Detail Treppengeländer im Foyer

Alsbald stand er am Beckenrand und kurz bevor er sich in die 20ºC kühlen Fluten stürzen konnte, pfiff ihn der Bademeister an, der Dreck am Leibe sei vor dem Bade erst abzubrausen, bitt’scheen.

Er trottet also zu den Brausen, an zahlreichen Verbotsschildern vorbei, die Dinge verkündeten wie „Umhergehen und stehen ohne Badehose ist auf das Strengste untersagt“. Oha, dachte sich Heinrich schmunzelnd, offensichtlich muss sich das hier noch ein wenig einspielen.

Preisgekröntes Plakat des Kunstmalers Hans Hammer (1878-1917) das die Nutzung von Bädern propagiert.
Preisgekröntes Plakat des Kunstmalers Hans Hammer (1878-1917) das die Nutzung von Bädern propagiert.


Bilderstrecke: Das Stadtbad Prenzlauer Berg um 1902

Bilderstrecke: Das Stadtbad vor der Sanierung


Zur Geschichte des schönen Stadtbades

Die Erinnerung an das Stadtbad als Ort des Badens verblasst. Detail des Kalenderblattes von Sonja Kurzbach aka SHORTRIVER [Mehr Bilder = Klick auf's Bild]. Die letzten Exemplare des Kalenders könnt Ihr in unserem Kalendershop kaufen.
Die Erinnerung an das Stadtbad als Ort des Badens verblasst. Detail des Kalenderblattes von Sonja Kurzbach aka SHORTRIVER [Mehr Bilder = Klick auf's Bild]. Die letzten Exemplare des Kalenders könnt Ihr in unserem Kalendershop kaufen.

Tatsächlich war mit der Eröffnung der Volksbadeanstalt Prenzlauer Berg eine wichtige städtische Einrichtung geschaffen worden. In den letzten drei Jahrzehnten des

19. Jahrhunderts war nördlich der Stadt Berlin ein Neubaugebiet entstanden, in der auch zahlreiche wenig bemittelte Leute wohnten, die sich einen Besuch in den privaten Badeanstalten nicht leisten konnten. Die beiden öffentlichen Anstalten die es gab, lagen vom Prenzlauer Berg zu weit weg.

Zu Beginn der 1890er Jahre hatte eine Diskussion eingesetzt, wie die hygienischen Verhältnisse in der Stadt verbessert werden könnten. Im Verlauf dieser Diskussion setzte sich die Meinung durch, dass Hygiene von öffentlichem Interesse sei und der Betrieb von Bädern von daher nicht wirtschaftlichen Interessen unterliegen dürfe. Den Auftrag zum Bau von Stadtbädern für die Stadt Berlin erhielt Stadtbaurat Ludwig Hoffmann, der bis 1908 vier Volksbäder baute, die nach dem kommunalen Besitzer auch Stadtbäder genannt wurden.

Die Bassins in Bädern waren eine relativ neue Erscheinung, Standard waren bisher Wannen- und vor allen Dingen Brausebäder. Sportliche Betätigung war zunächst noch verpönt, erst als von Staats wegen der Wert einer körperlichen Ertüchtigung junger Männer erkannt wurde – denn „nur der gilt uns als ganzer Mann, der mit den Wogen kämpfen kann!“ (Wilhelm II., 1908) - änderte sich das Bild.


Das neue Bad auf der Oderberger Straße war von Beginn an stark frequentiert, gleich im ersten Monat wurden im Schnitt fast 1000 Gäste täglich gezählt! Hoffmann hatte beispielhaft gebaut, reichsweit gab es aber auch Kritik, Berlin würde zu prunkvoll bauen.


Und tatsächlich ist der Bau im Stile der deutschen Renaissance mit seinen Giebeln und der Halle, die an ein Kirchenschiff erinnert, bis heute eines der hervorstechenden Gebäude des Bezirks.


Bilderstrecke: Der KACHELkLUB im Stadtbad Prenzlauer Berg

Vom Schwimmbad zum Kulturveranstaltungsort zum Schwimmbad mit Kulturveranstaltungen

Im Laufe der nächsten Jahrzehnte kam es zu einigen Veränderungen. So wurde ab den 1920er Jahren dem Wasser zur Desinfektion Chlor zugegeben. Dieses griff aber den Sandstein der Arkaden an, so dass diese gefliest werden mussten. Im selben Jahrzehnt ging das Bad in die Verwaltung des Bezirks über, zehn Jahre später wurden im Haus umfangreiche Umbauten durchgeführt. So überbaute man die beiden großen Innenhöfe mit Umkleidehallen, die ein Dach aus Glasbausteinen erhielten. Zudem wurde eine Vielzahl von Treppen abgerissen, um eine Wegeführung für die Besucher zu erzwingen, die sie zunächst in die Duschräume führte. Im Krieg dann nur leicht beschädigt, konnte der Badebetrieb bereits einen Monat nach Kriegsende wieder aufgenommen werden.

Mitte der 1980er Jahre, das Bad wurde nach wie vor mit Braunkohle beheizt, wurde ein neuer Schornstein aus Beton im Hof gebaut und das Bad dafür einige Wochen trocken gelegt. Risse traten nach der Wiedereröffnung am Beckenboden und an der Hallendecke auf, so dass man den Betrieb zum Ende des Jahres 1986 einstellte, lediglich ein Teil der Dusch- und der Badewannenabteilung sowie die in die alte Wäscherei eingebaute Sauna blieben bis 1997 geöffnet.

Eine Bürgerinitiative hatte sich längst formiert, die 2002 als Genossenschaft das Haus vom Liegenschaftsfond übernahm. Ziel war die Wiedereröffnung als Schwimmbad, der Senat hatte Gelder in Aussicht gestellt, um einen Teil der geplanten

16,5 Millionen Euro Sanierungskosten zu finanzieren. Jahr um Jahr wurden diese aber nicht ausgezahlt, währenddessen nutzte die Genossenschaft das Haus kulturell mit Theater-, Opern- und Liederabenden, auch Filmdrehs vom Tatort über Musicclips bis zum Fetischfilm fanden statt.

Die größte Aufmerksamkeit schuf aber der KACHELkLUB, eine monatlich wiederkehrende Tanzveranstaltung, die bis zu tausend Feierwillige ins trockene Bad im damals noch szenigen Prenzlauer Berg lockte.

Die Berliner Stiftung Denkmalsschutz übernahm das Haus 2008 und stieß auf ähnliche Probleme bei der Finanzierung wie die Genossenschaft. Seit 2011 ist die benachbarte Sprachschule Besitzerin des Hauses, seit 2013 wird saniert, die Eröffnung als Schwimmbad ist für den Spätsommer 2015 in Aussicht gestellt. Durch einen hydraulischen Beckenboden ist es dann auch möglich, Veranstalungen im Bad stattfinden zu lassen. Wir sind gespannt.


Bilderstrecke: Die Sanierung des Stadtbades 2013-2015

Videostrecke: Die besten Videos aus dem Stadtbad (Auswahl)

Gulli (Ausschnitt)

Marc Aschenbrenner

12:00 min, 2005

Mach's dir selbst

Silbermond

2:48 min, 2004

Fora Dentro

Wiebke Pöpel

9:30 min, 2004

Everything is illusion

Johanna Keimeyer

7:17 min, 2012


Gewinnspiel

Wir verlosen 5x2 Freikarten mit freundlicher Unterstützung des GLS Sprachenzentrums Berlin. Das Bad ist bis Sommer allerdings geschlossen, wir geben Euch rechtzeitig Bescheid, damit Ihr die Eröffnung nicht verpasst.

Es gibt keine Frage zu beantworten, Ihr müsst Euch lediglich bis zum 5. Februar 2015 in unsere Rundmailliste [klick] eingetragen haben. Ihr nehmt dann automatisch an unserer Verlosung teil.

Wenn Ihr die monatliche Rundmail schon bekommt, dann schreibt uns kurz eine Nachricht mit dem Betreff "Schwimmen im Spätsommer" an kontakt@geschichtsbuero-mueller.de.

Die Gewinner werden benachrichtigt, unser Kollege Bolle Berliner hält Euch bei Facebook auf dem Laufenden.