Die Familie Bacigalupo

Italienische Zuwanderung im 19. Jahrhundert

Das Kalenderblatt für den Januar von Francesca Sai (mehr zu Francesca, klick auf's Bild)
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Mit dem wirtschaftlichen Wachstum Berlins kamen nach der Reichsgründung 1871 auch zahlreiche Menschen aus dem Ausland in die Stadt. Viele Italiener waren darunter, Ende 1900 lebten gut 1.300 von ihnen in Berlin, rund ein Fünftel davon allein in der Gegend um die Schönhauser Allee, Pappelallee und Buchholzer Straße. Sie brachten handwerkliche Fähigkeiten mit, arbeiteten als Terrazzoarbeiter, Mosaizisten oder Gipsfigurenhändler, unter ihnen waren aber auch Musiker, Literaten und Künstler.

Die meisten stammten aus den nördlichen Regionen Italiens. Hauptsächlich aus Piemont, Ligurien, der Lombardei und Venetien kam es zu großen Abwanderungen ins europäische Ausland und nach Amerika. Die heimische Landwirtschaft und die mangelhafte Entwicklung von Industrie und Handel boten vielen kaum eine Perspektive. Eine temporäre oder endgültige Auswanderung in die industrialisierten Städte sahen viele als Chance.

 

Der erste Bacigalupo in Berlin

Aus Ligurien stammte auch Giovanni Battista Bacigalupo (1847-1914), der in London bei dem italienischen Drehorgelbauer Fratti das Handwerk erlernt hatte und 1873 nach Berlin kam.

Der Hof auf der Schönhauser Allee mit dem Eingang der Orgelfabrik
Der Hof auf der Schönhauser Allee mit dem Eingang der Orgelfabrik

 

Latschenpaule - der letzte seiner Art

Einer der letzten und der wohl bekannteste Leiermann im Osten Berlins ist der 2008 verstorbene Heinz Nerger (*1917), besser bekannt als Latschenpaule. Er erhielt 1968 von der Witwe Luigis Bacigalupo eine 33er Trompetenorgel mit der er in den nächsten Jahrzehnten in Gaststätten, auf Straßenfesten und bei offiziellen Anlässen auftrat. Nach seinem Tod erbte das Museum Pankow die Drehorgel aus den frühen 1930er Jahren. Sie ist in der Heynstraße 8  zu besichtigen.

 

Nicht nur Drehorgeln bauten die Bacigalupos
Im Märkischen Museum befindet sich neben den mobilen Drehorgeln auch ein Orchestrion der Firma Cocchi, Bacigalupo & Graffigna von 1900. Orchestrions waren damals in Gaststätten sehr beliebt, diese sehr eindrucksvollen Geräte konnten ein ganzes Orchester ersetzen.

Nach dem Umbau 1919 durch die Firma Frati & Co., bei dem dieses Orchestrion u.a. einen elektrischen Antrieb erhielt, stand sie als "Fratihymnia" bis 1953 im Restaurant "Genua" von Giovanni Crescio auf der Schönhauser Allee 51. Heute gehört es zu der Musikaliensammlung des Märkischen Museums. An jedem Sonntag um 15 Uhr führt das Museum seine mechanischen Musikinstrumente vor, für den normalen Eintritt (5,-/3,- €) ist man mittenmang dabei. Ganz toll!

Das Orchestrion von 1900 im Märkischen Museum
Das Orchestrion von 1900 im Märkischen Museum
Giovanni "Hannes" Bacigalupo mit einer Spielwalze, 1970er Jahre
Giovanni "Hannes" Bacigalupo mit einer Spielwalze, 1970er Jahre

Dort beteiligte er sich 1879 an der Firma Frati & Co. in der Buchholzer Straße (ab 1884 auf der Schönhauser Allee 73), dem ersten Unternehmen in Berlin, das mechanisch-pneumatische Musikwerke herstellte.

Nach einem kurzen Intermezzo mit zwei Landsleuten, gründete er 1903 mit seinen beiden Söhnen Giuseppe und Louis das Unternehmen Bacigalupo & Co. in der Schönhauser Allee 78. Die Brüder trennten sich bald, Giuseppe und seine Nachfolger betrieben im Haus 79 bis 1967 eine Werkstatt, Louis wanderte nach Amerika aus und überließ dem dritten Bruder Giovanni "Hannes" seinen Anteil der Firma, die dieser bis 1975 auf der Schönhauser Allee 74a leitete.

 

Ein Name mit Weltruhm

Rund 7.000 Instrumente wurden von den Bacigalupos gebaut und in die ganze Welt verkauft, der Prenzlauer Berg war das Zentrum des deutschen Drehorgelbaus. Die höchsten Stückzahlen erreichten die Leierkästen, die man nicht nur kaufen, sondern auch gegen eine Gebühr ausleihen konnte. Damit zogen die Musiker durch die Berliner Hinterhöfe, spielten für die Anwohner und hofften auf einige Pfennige, die ihnen zugeworfen wurden. Die Drehorgelmusik war ein Teil des Alltags der großstädtischen Arbeiterbevölkerung, Drehorgeln gehörten zum Straßenbild Berlins, heute treten Leiermänner nur noch an touristischen Brennpunkten und auf Festen auf.

Latschenpaule mit seiner 33er Drehorgel auf einem Hoffest am Arnimplatz ~1975
Latschenpaule mit seiner 33er Drehorgel auf einem Hoffest am Arnimplatz ~1975

 

 

Literaturhinweise

Franzkowiak, Anne: Mechanische Musikinstrumente. Vom Salon in die Kneipe, Berlin, 2011  Klein, kompakt, informativ, mit Hörbeispiele auf CD

Italiener in Prenzlauer Berg. Spurensuche vom Kaiserreich bis in die Gegenwart, hrsg. vom Kinder & JugendMuseum im Prenzlauer Berg, Berlin, 1997    Sehr spannend, nicht nur zur Familie Bacigalupo.

Willy Römer. Leierkästen in Berlin 1912-1932, Edition Photothek 1, Hrsg. Diethard Kerbs, Berlin, 1983 Schon älter aber tolle Bilder.

Heinz Nerger. Drehorgelspieler der alten Schule. Annäherung an ein Berliner Original, Hrsg. Museum Pankow, Berlin, 2012

Alles über Latschenpaule und seine Zeit

Falanga, Gianluca: Italien in Berlin, Berlin, 2006 Das Standardwerk

 

Links

Spannende Hörstücke zum Orchestrion von der Schönhauser Allee und zur Familie Bacigalupo [Audiodateien Märkisches Museum]

Funktionsweise eines Orchestrions [Audiodatei Märkisches Museum]

Musikaliensammlung mit Vorführung [Link Märkisches Museum]

 

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