Der Bauch von Berlin

Der Zentralvieh- und Schlachthof in Prenzlauer Berg

Berlin hatte Mitte des 19. Jahrhunderts ein Problem. Auf knapp eine halbe Million war die Einwohnerzahl gestiegen, das Fleisch wurde aber nach wie vor dezentral von kleinen Schlachtbetrieben zumeist auf Hinterhöfen produziert. Das Vieh trieb man - mit den dementsprechenden Hinterlassenschaften - durch die Straßen der Stadt, Schlachtabfälle landeten in der Gosse oder in der Spree. Sie wurden zu gefährlichen Seuchenherden, immer wieder starben hunderte an Cholera- und Typhusepidemien. Die Stadt stank zum Himmel, sie war als schmutzigste Hauptstadt des Kontinents verschrien. Berlin hatte ein Hygieneproblem.

Eine Rinderherde auf der Viehtrift, im Hintergrund ist schon eines der Schlachthäuser zu sehen.
Eine Rinderherde auf der Viehtrift, im Hintergrund ist schon eines der Schlachthäuser zu sehen.

Damals noch weit vor den Toren der Stadt, wurden Rinder, Schweine und Hammel an großen Laderampen angeliefert. Achtzig Prozent der Tiere stammten aus Pommern und Ostpreußen, die dann in Ställen des Viehhofes untergebracht wurden. An zwei Markttagen in der Woche wurden die Tiere verkauft, danach gingen sie ihren letzten Gang über die Viehtrift zum Schlachthof an der Thaerstraße. Dort wurden sie von Großschlächtern geschlachtet und ihr Fleisch am nächsten Morgen in der Markthalle am Alexanderplatz an die Fleischer der Stadt weiterverkauft.

Fast alles wurde von den Tieren genutzt. Hier hängen zum Trocknen in Reben gebundene Schweineblasen. Vermutlich wurde in ihnen später Brät gefüllt. Alle Bilder aus dem Museum Pankow.
Fast alles wurde von den Tieren genutzt. Hier hängen zum Trocknen in Reben gebundene Schweineblasen. Vermutlich wurde in ihnen später Brät gefüllt. Alle Bilder aus dem Museum Pankow.
Ankunft einer Schweineherde aus Posen.
Ankunft einer Schweineherde aus Posen.

Ab 1864 wurde in der Stadtverordnetenversammlung darüber diskutiert, was denn die richtigen Maßnahmen dagegen wären. Über diese Diskussion vergingen 17 Jahre, in denen für Preußen ein Gesetz zum Schlachthofzwang erlassen wurde und private Schlachthöfe ihre Pforten öffneten. Erst 1877 war Baubeginn für den städtischen Zentralvieh- und Schlachthof, der 1881 provisorisch eröffnet werden konnte.

Dafür hatte man aber eine hochmoderne Anlage an der erst wenige Jahre zuvor fertig gestellten Berliner Ringbahn errichtet: Wasseranschlüsse, sogar mit warmen Wasser gab es, eine Kanalisation, das Gelände war komplett gepflastert und am Abend mit Gaslaternen beleuchtet. Alles Dinge, die in der Stadt noch längst nicht selbstverständlich waren.

Vor der Schlachterei Wilhelm Flint haben zwei Jungen einen Bullen vorgeführt. Im Hintergrund wartet schon der Geselle mit dem Betäubungshammer.
Vor der Schlachterei Wilhelm Flint haben zwei Jungen einen Bullen vorgeführt. Im Hintergrund wartet schon der Geselle mit dem Betäubungshammer.

Der Vieh- und Schlachthof lief so gut, dass er 1898 und in den 1920er Jahren nochmals deutlich erweitert werden musste. Die Bomben des II. Weltkrieg zerstörten ihn schwer, Ende 1945 lief der Betrieb jenseits der Thaerstraße aber wieder an. Für die Tierschlachtung kam das Aus dann nach der Wende, viel historische Bausubstanz wurde danach abgerissen. Heute prägen eine eher vorstädtische Wohnbebauung und Zweckbauten einiger Großhändler das Bild des Geländes, auch wenn die Rinderverkaufshalle, eine Hand voll Ställe und Schlachthäuser sowie die Darmschleimerei noch von der vergangenen Nutzung zeugen.

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